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    Warren Buffett: Das Orakel hat gesprochen

    Sie sind legendär - die jährlichen "Briefe an die Aktionäre", die Warren Buffett seit 1966 veröffentlicht. Seit 51 Jahren steht der heute 85jährige an der Spitze des Aufsichtsrates und Vorstandes von Berkshire Hathaway. Am 27. Februar 2016 erschien der diesjährige Brief, ein nüchternes, 30seitiges Dokument, das für ernsthafte Investoren Pflichtlektüre sein sollte. 

    Warren Buffetts Investment-Imperium ist beeindruckend: 361.270 Menschen arbeiten in mehr als 300 Firmen, an denen Berkshire Hathaway beteiligt ist. Berkshire gehören 10 1/4 der amerikanischen Fortune 500-Firmen. "Es bleiben somit noch knapp 98% von Amerikas Business-Riesen, die uns anrufen dürfen", schreibt der Star-Investor in seinem Brief und spielt auf den ungestillten Investitionshunger an. Die Einnahmen des Unternehmens stiegen 2015 um 16 Mrd. Dollar.

    Verwaltet wird das Ganze von 25 Mitarbeitern (inklusive Warren Buffett) in Omaha, Nebraska. Das Geheimnis dieser hocheffizienten Struktur: Warren Buffett lässt den Firmenchefs weitgehend freie Hand. So können sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zentrale um die wirklich wichtigen Dinge kümmern - etwa die Föderale Einkommensteuererklärung, die 2015 etwa 30.400 Seiten umfasste, rund 6.000 Seiten mehr als 2014. Oder die 3.530 Steuererklärungen, die auf Ebene der Bundesstaaten abgegeben werden mussten. O-Ton Warren Buffett: "Sie bearbeiten auch alle Arten von Anfragen, die mich erreichen, organisieren meine Reisen, und besorgen mir zum Mittag sogar Hamburger und Pommes (natürlich gebadet in Heinz Ketchup). Kein Vorstand hat es besser; ich fühle mich tatsächlich, als würde ich auf Zehenspitzen jeden Tag zur Arbeit tänzeln. Mein Job wird tatsächlich von Jahr zu Jahr erfreulicher."

    Der Aktienkurs der teuersten Aktie der Welt gehörte 2015 nicht zu den Outperformern: Um 12,5% sank er im Jahresvergleich. Doch das ficht Buffett nicht an, denn der Buchwert des Unternehmens nahm im vergangenen Jahr um weitere 6,4 % zu. "In den vergangenen 51 Jahren (d. h. seit das aktuelle Management antrat), ist der Buchwert pro Aktie von 19 Dollar auf 155.501 Dollar gestiegen, eine Steigerungsrate von 19,2% jährlich." Warren Buffett kündigte an, Aktien von Berkshire zurückzukaufen, wenn der Aktienkurs auf 120% des Buchwertes zurückgehen sollte. Derzeit kostet eine Aktie etwa 206.000 Dollar - die teuerste Aktie der Welt. Was steckt dahinter? 

    • 13,1 Milliarden Dollar verdiente Berkshire mit dem "Fünfer-Kraftwerk" - den fünf größten Unternehmen, die Berkshire kontrolliert und die nicht zur Versicherungsbranche gehören. Ein Highlight ist das Eisenbahnunternehmen BNSF, das 17% der amerikanischen Eisenbahnfracht transportiert. 
    • Im kommenden Jahr wird aus dem "Fünfer-Kraftwerk" ein "Sechser-Kraftwerk". Berkshire hat vor einem Monat die Firma Precision Castparts Corporation (PCC) gekauft - für 32 Milliarden Dollar. PCC produziert Präzisionsbauteile für Flugzeuge, beispielsweise Turbinenkomponenten. 30.466 Mitarbeiter in 162 Fertigungsstätten in 13 Ländern sind bei PCC beschäftigt.  
    • Berkshire ist einer der größten Investoren in die amerikanische Infrastruktur. 16 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr hier investiert, davon 5,8 Milliarden in das Eisenbahnnetz von BNSF.
    • Weitere 16 Milliarden Dollar wurden von Berkshire Hathaway Energy in erneuerbare Energien investiert. Das Unternehmen produziert heute sieben Prozent der in den USA produzierten Wind- und sechs Prozent der Solarenergie. Übrigens zu unschlagbar günstigen Preisen, wie Buffett in seinem Brief ausführt. 
    • 88 Milliarden Dollar betrug im vergangenen Jahr der "Float" der Versicherungsunternehmen von Berkshire Hathaway. Als "Float" bezeichnet Buffett die Prämieneinnahmen, die dem Unternehmen zwar nicht gehören, die aber für Investitionen genutzt werden können, solange sie nicht für Schadensregulierungen oder Versicherungsleistungen benötigt werden.
    • 2015 haben Warren Buffett (85) und Charlie Munger (92) insgesamt 634 Millionen Dollar für Firmenakquisitionen ausgegeben. 29 Unternehmen wurden komplett übernommen. 
    • Die Investments von Berkshire Hathaway (riesige Aktienpakete an mehr als zwei Dutzend Unternehmen) warfen im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Dollar an Dividenden und knapp 3 Milliarden Dollar an Wertzuwachs ab. Berkshire stockte seinen Anteil an American Express, IBM, Wells Fargo und Coca-Cola ("The Big Four" - die "Großen Vier") weiter auf. Über die Aktienbeteiligungen schreibt Buffett: "Bei Berkshire bevorzugen wir es sehr, einen nicht beherrschenden, aber nennenswerten Anteil an einem großartigen Unternehmen zu besitzen, statt 100% eines mittelmäßigen Geschäfts. Es ist besser, einen Anteil des Hope-Diamanten sein Eigen zu nennen als einen ganzen Kieselstein."
    • Zu Berkshire Hathaway gehört mit Clayton Homes das zweitgrößte Fertighaus-Bauunternehmen der USA. 2015 betrug der Marktanteil von Clayton im Fertighaus-Markt 45%. Warren Buffett erklärt in seinem Brief ausführlich, welche Auswirkungen die Immobilienkrise 2007/2008 auf Clayton hatte, denn die Firma vergibt zu den eigenen Häusern auch Kredite. Das Hypothekenportfolio beläuft sich auf 12,8 Milliarden Dollar. Im Gegensatz zu anderen Anbietern hält Clayton Homes die Hypothekenkredite in der eigenen Bilanz und verkauft sie nicht weiter. Das führte dazu, dass 2015 insgesamt 8.444 Hypotheken in die Zwangsversteigerung gingen, was das Unternehmen 157 Millionen Dollar an Kreditausfällen kostete. Bemerkenswert ist, dass Warren Buffett offen darüber spricht, dass auch Clayton Strafen wegen fehlerhafter Hypothekenvergaben und/oder Falschberatung zahlen musste. "Während der vergangenen zwei Jahre haben tatsächlich verschiedene Bundes- und Staatsbehörden (aus 25 Bundesstaaten) in 65 Fällen Clayton und seine Hypotheken geprüft und durchleuchtet. Das Ergebnis? Unsere Strafen während dieser Zeit beliefen sich insgesamt auf 38.200 Dollar und die Rückzahlungen an Kunden auf 704.678 Dollar."
    Warren Buffett unterweist Microsoft-Gründer Bill Gates in den Feinheiten des Zeitungswurfes - ein beliebter Wettbewerb, der vor jeder Berkshire-Hauptversammlung stattfindet.
    Warren Buffett unterweist Microsoft-Gründer Bill Gates in den Feinheiten des Zeitungswurfes - ein beliebter Wettbewerb, der vor jeder Berkshire-Hauptversammlung stattfindet.

    Wette nicht gegen Amerika: Produktivität und Wohlstand

    Einen großen Teil seines diesjährigen Briefes an die Aktionäre widmet Warren Buffett der Entwicklung von Produktivität und Wohlstand in Amerika. Um 1900 arbeiteten elf Millionen Menschen und damit rund 40% der arbeitsfähigen Menschen in der Landwirtschaft. Heute bewirtschaften rund drei Millionen Menschen eine fast genauso große Fläche. Diese drei Millionen Menschen stellen zwei Prozent der 158 Millionen Beschäftigten in der US-Wirtschaft. Sie produzieren dabei etwa die fünffache Menge beispielsweise an Mais.

    Diese Produktivitätszuwächse spiegeln sich auch in den Berkshire-Firmen wider: Der Eisenbahntransport, die Versicherungen und der Energiesektor werden von Buffett angeführt. Er drückt sich aber auch nicht um die negativen Auswirkungen des Produktivitätswachstums für die Einzelnen herum: "Die Produktivitätszuwächse, die in den vergangenen Jahren erreicht wurden, kamen zum großen Teil den Wohlhabenden zugute. Zweitens, Produktivitätszuwächse rufen häufig Turbulenzen hervor: Sowohl das Kapital, als auch die Arbeit zahlen manchmal einen erschreckenden Preis, wenn Innovationen oder Effizienzverbesserungen ihre Welt auf den Kopf stellen." Der 85jährige lässt keinen Zweifel daran: Man muss mit Kapitalisten kein Mitleid haben, wenn sie ihr Geld verlieren. "Es ist ihr Job, sich selbst um sich zu kümmern." Anders ist es mit den Arbeitern, die durch Produktivitätssteigerungen oder Umbrüche ihre Jobs verlieren. Das betraf seinerzeit beispielsweise 1.600 Beschäftigte der früheren Berkshire-Schuhfabrik Dexter in Maine oder die Textilarbeiter in der Berkshire-Fabrik in New Bedford. Sein Plädoyer: "Die Antwort bei solchen Umwälzungen ist es nicht, Aktivitäten zu begrenzen oder zu verbieten, die die Produktivität steigern. Die Amerikaner würden nicht annähernd so gut leben, wie sie es tun, wenn wir uns dafür entschieden hätten, dass elf Millionen Menschen auf alle Ewigkeit auf Farmen arbeiten müssten. Die Lösung ist vielmehr eine Vielzahl von sozialen Netzen, deren Ziel es sein muss, denen ein würdiges Leben zu ermöglichen, die arbeiten möchten, aber deren spezifische Fähigkeiten durch die Kräfte des Marktes als gering bewertet werden." Warren Buffett spricht sich für eine Reform des Einkommensteuerrechts aus und plädiert für Steuergutschriften, um sicherzustellen, dass das arbeitende Amerika diejenigen versorgt, die Arbeit suchen. "Der Preis des ständig steigenden Wohlstandes für die große Mehrheit der Amerikaner darf nicht die Armut derer sein, die kein Glück haben."

    Schließlich wendet sich Warren Buffett auch globalen Bedrohungen zu - insbesondere der Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen. "Es gibt keine Möglichkeit für amerikanische Firmen oder ihre Investoren, dieses Risiko abzuschütteln." Er zitiert Albert Einsteins berühmten Ausspruch von 1949: "Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg geführt werden wird, aber der vierte Weltkrieg wird mit Knüppeln und Steinen geführt."    

      

    2. Mai 2015: 40.000 Aktionäre kamen zur 50. Hauptversammlung von Berkshire Hathaway, um Warren Buffett und Charlie Munger live zu erleben. Wegen des großen Andrangs wird in diesem Jahr die Hauptversammlung erstmals als Livestream übertragen.
    2. Mai 2015: 40.000 Aktionäre kamen zur 50. Hauptversammlung von Berkshire Hathaway, um Warren Buffett und Charlie Munger live zu erleben. Wegen des großen Andrangs wird in diesem Jahr die Hauptversammlung erstmals als Livestream übertragen.

    Der 30. April 2016: Mit Humor ins 21. Jahrhundert

    "Charlie und ich haben endlich beschlossen, ins 21. Jahrhundert einzutreten", schreibt Warren Buffett zu Beginn des Ausblicks auf die bevorstehende Hauptversammlung in Omaha am 30. April 2016. Erstmals wird das "Woodstock des Kapitalismus" in diesem Jahr live über das Internet übertragen. Zwei Gründe führt Warren Buffett dafür an: Zum ersten strömten im vergangenen Jahr 40.000 Aktionäre nach Omaha, um an der Hauptversammlung teilzunehmen. Es gibt schlicht keine Veranstaltungsräume, keine Hotelzimmer, keine Flüge, um eine noch größere Zahl von Aktionären vor Ort zu beherbergen. 

    "Unser zweiter Grund, diesen Webcast zu initiieren, ist wichtiger. Charlie ist 92 und ich bin 85 Jahre alt. Wenn wir in einem kleinen Unternehmen ihre Partner wären, und wir wären beautragt, die Firma zu leiten, würden sie gelegentlich den Wunsch haben, vorbeizukommen und sich zu überzeugen, dass wir nicht schon ins "La-La Land" hinweggedämmert sind. Aktionäre sollten, im Unterschied dazu, nicht genötigt sein nach Omaha zu kommen um zu sehen, wie wir aussehen und klingen. (Wenn Sie Ihre Wertung abgeben, seien Sie freundlich: Berücksichtigen Sie bitte, dass wir schon zu unseren besten Zeiten nicht besonders beeindruckend aussahen.)

    Die Zuschauer können auch unsere lebensverlängernde Diät beobachten. Während des Treffens werden Charlie und ich jeweils genug Coke, See's Toffees und See's Erdnussriegel konsumieren, um den wöchentlichen Kalorienbedarf eines Lineman der NFL zu decken. Vor langer Zeit haben wir eine fundamentale Wahrheit entdeckt: Es geht nichts darüber, Mohrrüben und Brokkoli zu essen, wenn Sie richtig hungrig sind - und es auch bleiben wollen."

    Wer also am letzten Apriltag noch nichts vorhat: Gehen Sie auf https://finance.yahoo.com/brklivestream. Ab 16 Uhr lässt sich dort die 51. Hauptversammlung verfolgen. Ich jedenfalls werde mir das mehrstündige Frage-und-Antwort-Spiel nicht entgehen lassen.    

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