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    Märkte am Allzeithoch: Wo gibt es jetzt noch Schnäppchen?

    Die Weihnachtsrallye ist in vollem Gange. Der deutsche Aktienindex hat gerade die 11.000 zurückerobert und in den vergangenen Tagen neue Jahreshochs markiert. Die US-Märkte, auf denen ich unterwegs bin, marschieren von Allzeithoch zu Allzeithoch. Demnächst werden wir den Dow Jones bei 20.000 Punkten sehen. Der marktbreitere S&P 500 hat die 2.200 überschritten. Was treibt die Kurse auf solch aberwitzige Höhen? In den vergangenen Wochen sind es wohl drei "Market Mover", also marktbewegende Einflüsse:

    1. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. Ob man ihn nun mag oder nicht, er ist der unternehmerfreundlichste Präsident seit Ronald Reagan. Die Märkte haben das verstanden.
    2. Der Ölpreis. Der hat sich seit dem Jahrestief faktisch verdoppelt. Steigende Energiepreise werden zu einer steigenden Inflation führen. Jetzt hat die OPEC auch noch die Förderquoten beschränkt und selbst Länder, die nicht der OPEC angehören (etwa Russland), schließen sich der Begrenzung des Angebots an.
    3. Die Federal Reserve. Die amerikanische Zentralbank wird in der kommenden Woche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine zweite Zinserhöhung vornehmen. Warum? Weil es der US-Wirtschaft sehr gut geht, die Konjunktur brummt, Arbeitskräfte werden knapp, die Inflation zieht endlich an.

    Es gibt zweifelsohne noch viel mehr Faktoren - Wirtschaft und Finanzmärkte stehen nicht in einer monokausalen Beziehung. Eher erinnert die Gesamtheit aller Faktoren an ein Spinnennetz. Der Einschlag eines Insekt ist im gesamten Netz zu spüren, man weiß aber vorher nie, an welcher Stelle der Einschlag stattfindet. Mir geht es auch nicht um eine wirtschaftstheoretische Abhandlung. Ich will Geld verdienen und frage mich daher: Wo gibt es jetzt noch Schnäppchen? 

    Wer clever investiert, setzt auf Branchen, die gerade bei Investoren in Ungnade gefallen sind. Vor einem Jahr war das beispielsweise der gesamte Energiesektor. Unter dem Radar der Anleger flogen auch Banken, weil die großzügig Kredite an die US-amerikanischen Ölförderer der Fracking-Industrie vergeben hatten. Jetzt drohten massive Zahlungsausfälle und Insolvenzen. 

    Wen wundert es, dass gerade diese Sektoren zu den stärksten Performern der vergangenen Monate gehören?    

    Wer nicht nur an den Schlagzeilen und Laufbändern einschlägiger Medien klebt, wird für seine Suche häufig überdurchschnittlich belohnt. Denn die steigenden Ölpreise haben nicht nur die Dickschiffe wie Chevron oder Exxon auf neue Kurshöhen katapultiert. Kaum jemand kennt den Ölfeld-Ausrüster Helmerich & Payne (HP). Das Unternehmen produziert, vermietet und wartet die weltweit fortschrittlichsten Bohrtürme. Ein Großteil des Geräteparks wurde in den vergangenen zwei Jahren "eingemottet". Jetzt aber zieht die Nachfrage wieder an. HP hat im Jahr 2016 übrigens die Dividende zum 44. Mal hintereinander angehoben, seit 1972 gibt es jedes Jahr mehr Gewinnausschüttungen für die Aktionäre. 

    Vorsicht: Ich bin in beiden Aktien investiert, daher natürlich voreingenommen. Ebenfalls voreingenommen, aber nicht investiert, bin ich in der Community Trust Bank Corporation (CTBI). Nie gehört? Ich auch nicht, bis die Aktie von Wells Fargo im Herbst dieses Jahres wegen eines Vertriebs-Skandals unter die Räder kam. Bekanntlich ist Wells Fargo eine der größten Positionen im Portfolio von Warren Buffett und so ging ich in diesem Sektor auf die Suche. Und siehe da: Ich stieß auf eine versteckte Perle, eben CTBI. Eine regionale Bank mit Sitz in Kentucky. Man muss die Bank nicht kennen, aber bemerkenswert ist: Dieses erzkonservative Geldhaus erhöht seit 36 Jahren jedes Jahr die Dividende. Auch in der Finanzkrise 2007 bis 2009 riss die Serie nicht ab. Im Herbst 2016 war der Titel unterbewertet, war in Sippenhaft genommen worden wie viele Banken - einmal wegen fauler Öl-Kredite und zweitens wegen der Wells Fargo-Affäre. Beides betrifft die Community Trust Bank aber nicht im geringsten. Ich zögerte mit dem Einstieg - und wurde prompt abgestraft, weil ich meiner eigenen Analyse nicht traute. 

    Was ich damit zeigen will: Hätte man vor einem Jahr das gekauft, was gut war, aber keiner haben wollte, hätte man heute viel Freude. Das lässt sich im Rückblick natürlich leicht behaupten, aber wo sind die augenblicklichen Schnäppchen? 

    Zunächst einmal: Ich warne davor, dem zu glauben, was ich jetzt schreibe. Stellen Sie eigene Recherchen an. Ich bin in vielen Titeln investiert und daher voreingenommen. Meine Analysen können falsch, unvollständig oder veraltet sein. Ich empfehle die folgenden Titel nicht zum Kauf, sondern stelle sie nur zu Lehrzwecken vor. 

    Die erste Frage lautet: Welche Branchen sind mit Trumps absehbarer Machtübernahme beim Anleger in Ungnade gefallen? 

    Seit Anfang November performen Finanzwerte, Industrieaktien, Rohstoffproduzenten und -verarbeiter extrem gut - der Markt antizpiert Donald Trumps Konjunkturprogramm. Gleichzeitig antizipiert der Markt aber auch eine Zinserhöhung. Der neue Präsident will Barack Obamas Gesundheitsreform zurückstutzen. Er will die Medikamentenpreise beschneiden. Die Folge: Aktien aus dem Gesundheitswesen, Versorger und viele Konsumgütertitel haben in den vergangenen Monaten besonders schlecht performt. Aktien, die in den vergangenen sieben Jahren wegen stabil steigender Dividendenzahlungen als "Anleihenersatz" herhalten mussten, werden verkauft (Versorger, REITs). Genau in diesen Sektoren sind augenblicklich die Perlen von morgen zu finden. 

    Eine meiner Standard-Positionen ist Omega Healthcare Investors (OHI). Dieses Unternehmen wird gerade aus vielerlei Gründen von Anlegern gemieden: Erstens ist es ein REIT, und hier unterstellen die Märkte, dass REITs unter einer bevorstehenden Zinserhöhung leiden würden. Zweitens betreibt OHI Immobilien im Gesundheitswesen, hauptsächlich in der Alten- und Behindertenbetreuung. Was der neue Präsident nicht mag. Drittens betreibt OHI auch Immobilien in Großbritannien. Die "Brexit-Angst" lässt grüßen. Dabei ist die Firma fundamental kerngesund, hat 14 Jahre in Folge die Dividende angehoben und seit 17 Quartalen tut sie das jedes Quartal. Für eine bevorstehende Zinserhöhung ist das Unternehmen gewappnet: Verbindlichkeiten wurden mit festen Zinssätzen aufgenommen. Die Mietverträge hingegen enthalten an die Inflationsentwicklung gekoppelte Staffelmietklauseln. 

    Ein zweiter Titel aus der Kategorie "Aktien, die niemand mag" ist Pfizer. Das sind die mit den kleinen blauen Pillen, die Männer zu mehr Standkraft verhelfen. Die Aktie des Pharmaunternehmens leidet unter der Ressentiments, die Donald Trump dem gesamten Industriezweig entgegenbringt. Klar - der Mann ist kerngesund, weil er keinen Tropfen Alkohol trinkt und nicht raucht. Gift für jeden Pharmakonzern. Pfizer hat eine prall gefüllte Entwicklungspipeline, wenig Schulden und eine Dividende, die seit sechs Jahren jährlich angehoben wird. Weil der Aktienkurs um mehr als 20% gefallen ist, entsprechen die 1,20 Dollar Dividende inzwischen einer Dividendenrendite von 3,88%. Das durchschnittliche KGV über die vergangenen 15 Jahre liegt bei 13 - das augenblickliche ebenfalls. Die Aktie wäre bei 36,30 Dollar fair bewertet - kostet aber augenblicklich um die 31 Dollar. 

    Schließlich noch ein Klassiker, den viele nicht als Schnäppchen empfinden dürften. Apple ist Kult. In den vergangenen Monaten gerät das Unternehmen immer wieder in negative Schlagzeilen. Der "Wow-Effekt" bei neuen Produkten fehle. Es gebe seit dem Tod von Gründer-Ikone Steve Jobbs keine Innovation mehr. Die Apple-Watch sei ein Flop. Dabei wird dann gern vergessen: Apple ist mit einer Marktkapitalisierung von über 600 Mrd. Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt. Das Unternehmen verkauft in einem Jahr Waren und Dienstleistungen für 215 Mrd. Dollar. Es erzielt dabei eine Bruttogewinnspanne von 39 Prozent. Seit 2012 zahlt Apple eine Dividende, die auf den ersten Blick mit 2,28 Dollar nicht besonders üppig aussieht - nur 2,1% beim derzeitigen Aktienkurs. Beeindruckend ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der Apple diese Dividende jedes Jahr anhebt - nämlich im Durchschnitt um zehn Prozent pro Jahr. Und da die Auszahlungsquote bei gerade einmal 26% liegt, dürfte sich am Steigerungstempo der Dividende auch in den kommenden Jahren nicht viel ändern. Da ist noch Luft nach oben. Das Problem ist, dass Apple gerade die Transformation von einem Wachstums- zu einem Substanz (Value-)-Unternehmen durchlebt. Microsoft hat das seit 20 Jahren hinter sich. Sobald ein Markt gesättigt ist, verlangsamt sich das Wachstum. Jeder der ein iPhone haben möchte, hat wahrscheinlich mittlerweile eines - und das bremst Apple gerade aus. Die Aktie ist von 135 Dollar zeitweise auf unter 90 Dollar gefallen und wird wohl auch in den kommenden Jahren nicht exponentiell steigen. Was aber ein Katalysator werden könnte: Apple hat außerhalb der USA insgesamt mehr als 200 Mrd. Dollar an liquiden Mitteln liegen. Eine Rückführung in die USA würde hohe Steuerzahlungen nach sich ziehen - ein Problem, vor dem jedes international tätige US-Unternehmen steht. 

    Mit der neuen US-Administration wird es wahrscheinlich recht zügig ein Gesetz über die steuerfreie oder zumindest steuerbegünstigten Repatriierung dieser Gelder in die USA geben. Das könnte nicht nur den Kurs von Apple beflügeln, sondern auch den vieler anderer international tätiger Unternehmen - etwa Cisco, Qualcomm, Procter & Gamble. 

    Es gibt sie also noch - die Schnäppchen im US-Aktienmarkt. Günstiges Aktienshopping funktioniert abseits der ausgetretenen Pfade. Die dicksten Fische fängt man da, wo die wenigsten Angler unterwegs sind und die schönsten Pilze gibt's in den entlegendsten Wäldern. Man muss eben etwas länger suchen, aber wenigstens stimmt die Ausbeute. 

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