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    Branche im Umbruch: Wie krank ist der Einzelhandel?

    Internet-Shopping ist in. Wir bieten bei eBay, shoppen bei Amazon und stöbern bei Zalando. Der Online-Handel macht stationären Einzelhändlern zunehmend das Leben schwer. Inzwischen gibt es in Amerika den Begriff "Amazonization". Das Wort beschreibt den Trend, Waren eben nicht mehr in klassischen Ladengeschäften zu erwerben, sondern über das Internet zu bestellen und sich frei Haus liefern zu lassen. Ist der klassische Einzelhandel also ein Auslaufmodell?

    Foto: Nils Gajowiy
    Das Palladium in Prag: 200 Geschäfte in bester City-Lage - ein Auslaufmodell?

    Ich bin kein Experte für den Einzelhandel. Ich habe auch nicht viel übrig für Shopping. Aber wenn ich einmal einkaufe, dann möchte ich Hosen, Mäntel und Schuhe anprobieren dürfen. Ich möchte auch auf der Tastatur meines neuen Laptops herumtippen um zu testen, ob die Tasten klappern oder das Display hält, was die Werbung verspricht. Das Internet kann viel bieten, aber es bietet nicht die Haptik des Einkaufens: das Probieren, Stöbern, das Vergleichen, Anfassen, Riechen, den "Knittertest" uvm. 

    Und noch etwas bietet das Internet nicht: die "Experience" - also das Erlebnis des Einkaufens. Wer einmal gesehen hat, wie eine chinesische Mädchengruppe sich in einer Mall in Hong Kong aufführt, der weiß, was ich meine. Ähnliches gibt es auch im Kaufhaus des Westens am Berliner Tauentzien oder auf der Frankfurter Zeil, der Düsseldorfer Kö oder der Münchner Maximilianstraße. Da wird Einkaufen eben auch zum Gruppenvergnügen, zum umsatzorientierten Freizeitspaß. 

    Es muss aber nicht hochpreisig sein. Ich möchte auch im Supermarkt an den Tomaten riechen - riechen sie nach Tomaten? Darf ich den französischen Käse kosten? Ich würde gern den Duft oder die Creme testen, bevor ich ein kleines Vermögen dafür ausgeben. Gibt es im Internet den Duft von frischen Brötchen oder leckeren Kuchen? Würde ich ein Filetsteak im Internet bestellen? 

    Warum gehen mir diese und viele andere Fragen seit Wochen nicht aus dem Kopf? Ich bin immer auf der Suche nach günstigen Investments und der Einzelhandel ist augenblicklich eine der Branchen, in der sich unglaubliche Chancen abzeichnen. 

    Nehmen wir nur den Einzelhandelsgiganten Target. Die Aktie notiert derzeit bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,6, der 20jährige Durchschnitt wäre 18,8. Auf Basis der Gewinne pro Aktie ergäbe sich für die Aktie ein fairer Wert von etwa 80 Dollar, der Kurs steht aber unter 64 Dollar. Wie man es auch dreht und wendet: Die Aktie ist krass unterbewertet. Dabei steigert Target die Dividende seit 49 Jahren jedes Jahr. Im Durchschnitt der vergangenen 19 Jahre durchschnittlich um 14,7% pro Jahr. Target zahlt überdurchschnittliche Gehälter, erzielt überdurchschnittliche Margen und gehört in den USA zu den beliebtesten Arbeitgebern. 

    Der Inbegriff des amerikanischen Billig-Supermarktes, Wal-Mart, notiert gerade am fairen Wert. Das passiert nicht häufig, wie man im Chart sieht. Inzwischen ist die Dividendenrendite durch den fallenden Aktienkurs auf über 3% gestiegen. Wal-Mart kämpft mit seinem schlechten Image und fallenden Gewinnen. Seit 43 Jahren wird hier übrigens die Gewinnausschüttung für Aktionäre jährlich angehoben, im Durchschnitt der letzten 19 Jahre um 16,4%. Wenn es auch in den vergangenen fünf Jahren deutlich geringere Steigerungen gab - es gab sie.  

    Betrachten wir noch ein drittes Unternehmen der Branche: V.F. Corporation. Das Unternehmen wurde 1899 in Pennsylvania gegründet und firmierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter "Vanity Fair", benannt nach der bekanntesten Produktlinie - edler Damenunterwäsche aus Seide. Heute gehören der V.F. Corporation bekannte Marken wie Wrangler, The North Face, Eastpak, Timberland, Lee oder Eagle Creek. Faszinierend ist, dass das Unternehmen selbst gar keine Läden betreibt, sondern Einzelhändler beliefert. Ob nun also die Läden sterben oder mit den Onlinehändlern ko-existieren - VFC wird in jedem Fall unter den Gewinnern sein. Seit 44 Jahren zahlt das Unternehmen jährlich steigende Dividenden. In den vergangenen 15 Jahren wurden die Ausschüttungen pro Jahr um durchschnittlich 12,7% angehoben. Die Aktie fällt seit Monaten - und nähert sich jetzt dem fairen Wert. Die Dividendenrendite liegt über 3,17%, für das Jahr 2017 wird ein Gewinnwachstum von 6,6% erwartet. Bei einer Auszahlungsquote von 43% hat die Firma die Kraft, auch in schlechten Jahren die Dividende weiter zu erhöhen.     

    Auf meiner Bewertungsmatrix kam die V.F. Corporation im Januar auf 25 Punkte und schaffte es damit aufs Treppchen der "Aktie des Monats". Ein gesundes Unternehmen in einer gebeutelten Branche, bei den Anlegern in Ungnade gefallen, fundamental aber gesund. Was will man mehr? Das riecht ein wenig nach Winterschlussverkauf. 

    Aber Vorsicht: Nicht jeder wird in der Branche überleben, es gibt natürlich Risiken. Kapitalschwache, überschuldete oder auswechselbare Player dürften das Feld räumen. Wer teure Läden mietet, aber billigen Ramsch verkauft, dürfte Probleme bekommen. Es gibt strukturelle Risiken, logistische Herausforderungen und Umbrüche, das steht außer Frage. Eine Konsolidierung wird stattfinden, gerade in einer so gesättigten Branche wie dem Einzelhandel. Bekannte Kaufhausketten wie Macy's oder Sears stecken in ernsten Schwierigkeiten. Nüchtern betrachtet steht jedoch die Frage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet die kapitalstärksten Unternehmen untergehen? Jene, die in den vergangenen 50 Jahren schon so manche Krise gemeistert haben? Sie dürften eher zu den Konsolidierern gehören, also jenen, die andere schlucken, bevor sie geschluckt werden.

     

    Und noch ein Hinweis: Dies ist keineswegs eine Investitions- oder Handelsempfehlung, auch keine Anlageberatung. Investments bergen Risiken, Verluste sollte man einkalkulieren und diese können erheblich sein. Eine Verantwortung dafür lehnt der Autor ab. Ich bin selbst in VFC long positioniert, könnte auch andere erwähnte Titel kaufen wollen. Daher ist meine Analyse natürlich subjektiv gefärbt und möglicherweise fehlerhaft, unvollständig, veraltet und einseitig. Wer investiert, sollte seine eigene Analyse durchführen.     

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    Kommentare: 3
    • #1

      J.Schulz (Freitag, 03 Februar 2017 15:50)

      Diese Recherche scheint ja unter einem guten Stern zu stehen:
      http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/amazon-das-raetsel-der-fehlenden-milliarde/19342508.html

      Viel Erfolg!

    • #2

      Anne Bruns (Mittwoch, 08 Februar 2017 17:34)

      Tja ich bin da nicht so sicher mit dem Einzelhandel. Wenn ich mir mein eigenes Kaufverhalten anschaue kann ich sagen, dass ich in den letzten 2 Jahren 90 % meiner Einkäufe über das Internet getätigt habe. Das hätte ich mir auch vor einigen Jahren nicht vorstellen können, da ich im Grunde nicht so technik - und internetaffin bin. Das meiste ist im Netz preiswerter und auch bequem innerhalb von ein paar Tagen zu Hause. Also ich bin sehr froh, dass ich nicht mehr durch Geschäfte laufen muss und wenn ich mich nicht täusche sagt auch die Statistik, dass die Umsätze des Onlinehandels ständig steigen. Ich würde deshalb andere Investments vorziehen. VG

    • #3

      Son Goku (Samstag, 04 März 2017 13:16)

      Ich gebe dir Recht und Unrecht Nils Gajowiy. Ich denke auch, dass Einkaufszentren aus den von dir genannten Gründen nie aussterben werden. Ich habe nach dem 12% Down nun auch eine kleine Position Target Aktien aufgebaut, aber mit Betonung auf klein, da ich da viele Risiken sehe.
      Obgleich die klassischen Vor-Ort Geschäfte vermutlich nie aussterben werden, halte ich es für gut für möglich, dass die Umsätze hier viele Jahre lang stagnieren und sich vielleicht nie mehr erholen.
      Die Konkurrenz durch die New-Economy-Konzerne wie Amazon ist groß, und auch wenn Target, Wallmart etc. darauf reagieren und ihre Online-Sales steigen, müssen sie nicht desto trotz ihren Kuchen nun mit einem weiteren Unternehmen teilen.
      Auch abseits vom Web gibt es Konkurrenz, Aldi z.b. breitet sich auch äußerst erfolgreich in den USA aus.
      Auf lange Sicht gesehen halte ich es für Risikoloser auf die Nahrungsmittelhersteller wie Nestle, Mondelez, Unilever usw. zu setzen. Diese haben zwar untereinander eine starke Konkurrenz, aber ich sehe keine großen Player welche sich schnell auf den Markt drängen können um sich bedeutende Kuchenstücke abzuschneiden.

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