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    Warren Buffett: Über Teelöffel und Waschzuber

    Es passiert jedes Jahr Ende Februar. Seit mehr als 50 Jahren, genauer gesagt: Seit 1965. Warren Buffetts "Letters to the Shareholders" gehören zur spannendsten Lektüre, die für einen Investor existiert. Warum? Hier schreibt ein Vorstandsvorsitzender mit bemerkenswerter Offenheit über seine Arbeit - seine Fehler, seine Erfolge, das Team, mit dem diese Erfolge erreicht wurden. Die Briefe an die Aktionäre wurden nie in Gänze ins Deutsche übersetzt, und so muss man sich wohl oder übel durch die englischen Original-Texte arbeiten. Ich habe Warren Buffett 2015 vorgeschlagen, auf eigenes Risiko und eigene Verantwortung diese Fundgrube an Börsenerfahrung einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen. Zwei Tage vor Weihnachten 2015 kam die Antwort.

    Unnötig zu erwähnen, dass mein Weihnachten 2015 gelaufen war, dieses Geschenk war schwer zu toppen. Ja, es hat die Assistentin geschrieben, nicht der Große Alte Mann selbst hat die Mail getippt. Aber ich war trotzdem "stolz wie Bolle". Mir zeigt das: Man muss manchmal die eigene Bescheidenheit über Bord werfen. Dream big!

    Am 25. Februar diesen Jahres schrieb das Orakel aus Omaha wieder einmal - an alle Aktionäre. 28 Seiten, prall gefüllt mit Informationen und Lektionen für den lernwilligen Investor. Und wieder tauchte das Thema "Dream big" auf - wenn auch in ganz anderem Zusammenhang. 

    Buffett schreibt unverblümt darüber, dass es schwierig ist, die Gewinnsteigerungen von Berkshire Hathaway zu prognostizieren. Niemand weiß, wann die Wirtschaft auf eine Rezession zusteuert, wann es Übernahmegelegenheiten gibt. Berkshire hält bekanntlich alle Gewinne im Unternehmen, schüttet keine Dividenden aus. 2015 und 2016 gehörte Berkshire Hathaway zu den amerikanischen Firmen mit den höchsten einbehaltenen Gewinnen. Diese Gewinne müssen reinvestiert werden - was angesichts der schieren Größe der Geldbeträge nicht immer einfach ist. Es reicht nicht aus, ein paar Aktien zu kaufen, Warren Buffett kauft seit Ende der 90er Jahre eher ganze Unternehmen. Wörtlich schreibt er:

    "In manchen Jahren werden die Zuwächse an Ertragskraft, die wir erreichen, geringfügig sein; aber gelegentlich wird die Kasse laut klingeln. Charlie und ich haben keinen magischen Plan, um Erträge hinzuzukaufen, außer, dass wir groß träumen und mental und finanziell vorbereitet sind, um schnell zu agieren, wenn sich Gelegenheiten bieten. Ungefähr einmal in jedem Jahrzehnt werden dunkle Wolken den wirtschaftlichen Himmel verdunkeln, und aus diesen Wolken wird es für kurze Zeit Gold regnen. Sobald Niederschläge dieser Art auftreten, ist es ein Imperativ dass wir nach draußen eilen - und zwar mit Waschzubern, nicht mit Teelöffeln. Das ist es, was wir tun werden."

    Ein schönes Beispiel für den erfrischenden Humor des Star-Investors. Was lernt unsereins daraus? Auch als "kleiner", privater Investor ist die richtige Kapitalallokation meine vornehmlichste Pflicht. Es geht um Folgendes:

    1. Mach Deine Schularbeiten. Ich brauche ständig eine möglichst breite Auswahl an guten Unternehmen, in die ich investieren würde, wenn die Kurse attraktiver wären. 
    2. Sei geduldig. Ich muss mir vorab Gedanken machen, zu welchem Preis ich diese Unternehmen kaufen möchte. "Es ist besser, ein großartiges Unternehmen zu einem mittelmäßigen Preis zu kaufen, als ein mittelmäßiges Unternehmen zu einem großartigen Preis", so wird Warren Buffett einmal an anderer Stelle zitiert.
    3. Sei entschlossen. Wenn sich dann die Kurse abwärts in Richtung der angepeilten Kaufpreise bewegen, muss man schnell und mutig zuschlagen. Dafür braucht es ausreichend Geld und einen Plan für die richtige Positionsgröße. Kauft man nämlich zu wenig, wird der Ertrag (die Dividende) kaum spürbar sein. Kauft man zu viel, läuft man Gefahr, das Gesamtportfolio einem möglicherweise mental nicht verkraftbaren Kurs-Risiko auszusetzen.

    Das ist übrigens eine der schwierigsten Übungen: Wenn ich von einem Unternehmen hundertprozentig überzeugt bin, warum kaufe ich dann meist in kleinen "Häppchen", statt gleich Zehntausende von Dollars in ein Unternehmen zu stecken? Die Antwort ist eine psychologische: Mein "Geldmuskel" ist noch nicht so trainiert wie der von Warren Buffett. Ich verkrafte Kursschwankungen von 30 oder 50% mittlerweile relativ emotionslos - weil die Positionen klein sind. Würde ich sofort fünfstellige Beträge in eine Position stecken, liefe ich Gefahr, in einem Moment der Panik meinen rationalen Entscheidungsprozess über Bord zu werfen. Vor zwei Jahren war meine erste Positionstranche daher irgendwo im Bereich von 500 Dollar angesiedelt. Im vergangenen Jahr konnte ich die Schmerzgrenze bis auf rund 700 Dollar steigern. In diesem Jahr liegt mein "Rumrutschfaktor " (diesen Ausdruck führte Michael Voigt ein) im Bereich von etwa 1.000 Dollar. 

    Um Warren Buffetts Bild noch einmal aufzugreifen: Wenn es an den Märkten Gold regnet, stelle ich mich zwar in den Regen, aber kaufe nicht mit Waschtrögen ein. Ich bin auf dem Weg vom Teelöffel zum Waschzuber wohl irgendwo beim Suppentopf angekommen.     

    "Um ein Leben lang erfolgreich zu investieren, braucht man keinen himmelhohen Intelligenzquotien-ten, keine außergewöhnlichen Erkenntnisse und auch keine Insider-Informationen. Man braucht einen vernünftigen intellektuellen Rahmen, um Entscheidungen zu treffen, und die Fähigkeit, diesen Rahmen durch seine Emotionen nicht zu zerstören."

      

    Warren Buffett, Vorwort zu Benjamin Graham, Intelligent Investieren, FinanzbuchVerlag, München 2005, S. 9

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    Kommentare: 1
    • #1

      Maxim (Donnerstag, 06 April 2017 18:28)

      Die Sache mit dem "Geldmuskel" ist absolut richtig. Anfangs bin ich beim kleinsten Rücksetzer nervös geworden und schaute mir die Charts an, so oft ich nur konnte. Mittlerweile, nach 3 Jahren, schließe ich einen Trade fast gelangweilt wenn er mal ins Minus läuft. Toller Artikel, tolle Videos auf Youtube :-)

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