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    Neue Allzeithochs: Zu spät zum Einstieg?

    Dieser Tage steigen die Aktienindizes in Deutschland und Amerika auf neue Allzeithochs. Der Dax marschiert in Richtung 13.000, der Dow Jones in Richtung 23.000, der S&P hat die 2.550 überschritten und die NASDAQ steht knapp vor der 6.600. Naturgemäß kommt jetzt die Frage auf: Ist es schon zu spät, um in den Aktienmarkt einzusteigen?

    Grundsätzlich gilt, dass keiner von uns "den Markt" handelt, sondern alle handeln entsprechend ihrer Meinung über den Markt. Der Unterschied ist keine Wortklauberei, denn was heute teuer ist, kann sich morgen als preiswert erweisen. Und umgekehrt. Und um eine Plattitüde zu wiederholen: Es ist niemals zu spät. Aber der Reihe nach. 

    Der Dow Jones in den letzten 100 Jahren

    Es gibt nur einen Aktienindex, der uns eine ausreichend lange Kursreihe liefert, die alle Wirtschaftszyklen der letzten 120 Jahre umfasst - den Dow Jones. Der ging 1886 an den Start. Betrachten wir einen langfristigen Chart vom Anbeginn an, stellen wir fest: Die langfristigen Bullen- und Bärenmärkte dauerten jeweils über zehn Jahre. Ausnahme: Die kurze Boom-Phase zwischen 1925 und 1929/1931. Der kürzeste Bärenmarkt dauerte von 2000 bis 2007, also sieben Jahre, alle anderen Phasen ohne Kurssteigerungen (1905 - 1925, 1931 - 1950 und 1966 - 1983) zwischen 17 und 20 Jahren. Die beiden großen Bullenmärkte fanden 1950 bis 1966 und 1982 bis 2000 statt. Der aktuelle Bullenmarkt begann erst zum Jahreswechsel 2013, als das Hoch des Jahres 2007 im Dow Jones überschritten wurde. Sicher liege ich mit dieser Betrachtung mit der Mehrheit der Finanzjournaille über Kreuz, aber das stört mich nicht. Meine Meinung: Was nach dem März 2009 folgte, konnte man nicht als Bullenmarkt bezeichnen, solange die alten Hochs nicht gefallen waren. Diesen Standpunkt muss niemand teilen, aber das ist unerheblich. Denn wir befinden uns am rechten Rand des Charts, müssen dort eine Entscheidung treffen. Und bekanntlich wird der Nebel immer dichter, je mehr man sich der rechten Seite des Charts nähert.   

    Im Übrigen betrachte ich diese charttechnische Großwetterlage auch nur als Kontext, in den ich meine Entscheidungen einbetten muss. Alles, was ich hieraus ablese, ist die Antwort auf die Frage: Befinden wir uns in einem investitionsfreundlichen oder -unfreundlichen Wirtschaftsumfeld? Und da stelle ich fest: Seit Anfang 2013 hat sich die wirtschaftliche Wetterlage verbessert. Deckt sich das mit unseren Erfahrungen? Die Finanzkrise war gerade ausgestanden. In den USA trat Präsident Obama die zweite Amtszeit an, die stotternde US-Konjunktur fasste langsam Tritt. Die europäische Wirtschaft befand sich 2012 mit dem Aufbrechen der jahrelang schwelenden Staatsschulden-Krise am Tiefpunkt - und musste eine dramatische Wende einleiten. Wie sieht die Wirtschaft vier Jahre später aus? Das Bruttoinlandsprodukt der USA wächst 2017 um rund 3,1%, die deutsche Wirtschaft strotzt vor Kraft, in Frankreich beginnen endlich längst überfällige Reformen, Südeuropa hat den Tiefpunkt der Krise (hoffentlich) gesehen. Japan wächst leicht, China mit über 6%. Die Weltkonjunktur stützt die These weiterer Prosperität. Klar, das aufgeblasene Finanzsystem könnte jederzeit kollabieren, aber eine Normalisierung der Geldmengen wird derzeit zumindest geplant. 

    Überbewertet: Der S&P 500-Index

    Das fundamentale Umfeld mag bullish sein, entgegnen viele Skeptiker. Jedoch seien die Märkte doch schon sehr weit gestiegen, dadurch teuer und überbewertet. In der Tat: Betrachten wir den S&P 500, den Index der 500 am stärksten kapitalisierten börsennotierten Unternehmen der USA.

    In der Grafik symbolisiert die orangene Linie den fairen Wert des Index auf der Basis der 15fachen Unternehmensgewinne. Zum 31. Dezember 2017 wird hier ein Wert von 1.933,52 errechnet. Bei einem Indexstand von 2.537 ergibt sich eine Überbewertung um mehr als 31%. Legt man alternativ das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der vergangenen 20 Jahre als Maßstab an, wäre ein Kurs von 2.400,02 Punkten zum Jahresende gerechtfertigt. Es bleibt eine Überbewertung von 5,7%. Die schwarze Linie symbolisiert den Kursverlauf des Index auf der Basis der Monatsschlusskurse, sie endet am 4. Oktober 2017 bei einem Kurs von 2.537,74 Punkten. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20,2 sehen wir eine Überbewertung, egal, welche Bewertungskennzahl wir auch heranziehen. Deswegen, so die Skeptiker, sollte man jetzt nicht mehr in großem Stil investieren. 

    Ich investiere nicht in "den Markt", sondern in die Zukunft einzelner Unternehmen

    Die Skeptiker haben Recht. "Die Märkte" sind zu teuer, egal ob Dax, Dow oder NASDAQ. Aber investieren wir tatsächlich in "die Märkte"? Der Erfinder der oben gezeigten Software FAST-Graphs, Chuck Carnevale, predigt gebetsmühlenartig: "Wir investieren nicht in den Aktienmarkt, sondern in einen Markt von Aktien." Und da ist viel Wahres dran. Denn egal, wohin Amazon, Google, Facebook, Apple oder Microsoft die Indizes katapultieren - niemand muss die teuersten Aktien zum Allzeithoch kaufen!

    Ein guter Kaufmann weiß: Im Einkauf liegt der Gewinn. Ich kaufe an der Börse Unternehmen, weil sie hochprofitabel sind, steigende Dividenden zahlen und eine glänzende Zukunft vor sich haben. Ich zahle aber nicht jeden Preis, sondern warte darauf, dass sie mir zu Schlussverkaufspreisen angeboten werden. Zugegeben, man muss derzeit schon genau hinsehen, um solche Firmen zu finden. Aber es gibt sie, auch im Oktober 2017. Diese Firmen schaffen es selten in die Schlagzeilen der Börsenzeitschriften, denn häufig durchleben sie temporäre Schwierigkeiten. Auf Grund ihrer Finanzkraft und ihrer häufig monopolähnlichen Geschäftsmodelle können sie aber aus solchen Krisensituationen gestärkt hervorgehen. Drei Beispiele sollen illustrieren, wovon die Rede ist.  

    The J. M. Smucker Company ist ein Lebensmittelhersteller in den USA, der 1897 in Ohio mit der Produktion von Apfel-Cidre begann. Heute produziert das Unternehmen Marmeladen und Erdnussbutter, Kaffee, Backpulver, Eis-Toppings, Bio-Säfte, Super-Food uvm. In nahezu jedem US-Haushalt befindet sich mindestens ein Markenprodukt von Smucker. Seit 1959 ist die Firma an der Börse, seit 20 Jahren wird die Dividende jährlich angehoben, im Durchschnitt etwa um 9,6% jährlich. Ein Großteil der Aktien liegt immer noch in den Händen der Gründerfamilie. In diesem Jahr gibt's 3,12 Dollar Dividende. Die Verschuldung ist moderat, die Bewertung günstig. Statt des normalerweise aufgerufenenen KGV von 17,4 (20-Jahres-Durchschnitt) notiert die Aktie derzeit mit einem KGV von 13,6. Ein 15faches Gewinnmultiples würde einen Aktienkurs von über 116 Dollar rechtfertigen, die Aktie kostet aber nur 105 Dollar. Warum ist der Aktienkurs so unter Druck? Die gesamte Lebensmittelbranche in den USA leidet unter der Marktsättigung. Selbst die ewig snackenden Amerikaner können nicht mehr alles kaufen und essen, was ihnen vorgesetzt wird. Das spüren Unternehmen wie General Mills, Kellog oder eben auch Smucker. Inzwischen hat man dort den Trend erkannt und setzt stärker auf gesundes Essen. Außerdem wurde 2015 ein führender Produzent von Tiernahrung übernommen - das brachte den Aktienkurs zusätzlich unter Druck. Da aber dieses Marktsegment ein Wachstumsmarkt ist (immer mehr Singles und Rentner haben immer mehr Haustiere, und jetzt kann man Hund und Herrchen satt machen), dürften hier demnächst erste Gewinnsteigerungen einsetzen. Die Aktie notiert am Zweijahrestief, ist also ein echtes Schnäppchen. 

    Aus einer ganz anderen Branche kommt der Netzwerkausrüster Cisco. Ohne Cisco funktioniert das Internet nicht, denn all die Daten, die um den Globus sausen, müssen irgendwie gelenkt und geleitet werden. Die dazugehörige Hard- und Software stammt häufig aus dem Hause Cisco. Switches (= Weichen), Sicherheitssoftware, Router, Web-Konferenzen, Online-Banking, Online-Shopping, Verschaltungen, Datencenter - Cisco ist omnipräsent, wenn es um die Vernetzung von Computern geht. Mit über 165 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung ist Cisco mehr als zehnmal größer als der nächste folgende Wettbewerber. Seit 2011 zahlt die Firma eine jährlich kräftig wachsende Dividende. Angefangen hat man mit 0,28 Dollar, heute werden schon 1,16 Dollar pro Jahr ausgeschüttet. Cisco hat eine Bruttogewinnmarge von 63%. Davon bleibt netto eine fette Gewinnmarge von 20%, denn Cisco gibt Milliarden für Entwicklung, Forschung und Zukäufe aus. Trotzdem liegt die Verschuldung bei moderaten 39% des Eigenkapitals. Auf Basis des 15fachen Gewinns könnte die Aktie 36,60 Dollar kosten, sie notiert etwa 10% darunter. Mit einem KGV von 14 ist sie im Vergleich zum Durchschnitts-KGV der vergangenen 15 Jahre von rund 17 ebenfalls nicht zu teuer. Zukünftiges Wachstum könnte hier vor allem aus dem Ausbau des Bereiches Cybersicherheit kommen - Viren und Hacker sind in der vernetzten Welt längst ein wirtschaftlicher Risikofaktor und Cisco hat die Gelder, um sich das Know How zusammenzukaufen bzw. es selbst weiterzuentwickeln. 

    Die typische "Oma-und-Opa-Aktie" ist die ehemalige Telefongesellschaft AT&T. Die Firma ist in einem gesättigten Markt unterwegs, die Gewinnmargen sind eng (8,1%), der Preisdruck hoch. Trotzdem gehört AT&T nach wie vor zu den Standardinvestments der Dividendenwachstums-Investoren. Mit 5,0% Dividendenrendite, 2,2% jährlichem Dividendenwachstum und 33 Jahren ununterbrochenen Dividendensteigerungen ist gerade in Zeiten der Null-Zinsen das Unternehmen sein Geld wert. Das Unternehmen nimmt mehr als 160 Mrd. Dollar jährlich ein - eine Cash Cow wie aus dem Lehrbuch. Dafür ist der Aktienkurs wenig aufregend. Neue Impulse könnten die Unternehmensgewinne durch die Übernahme von TimeWarner bekommen. Damit wird das Unternehmen vom Telekom-Unternehmen zum Content-Provider. Es werden also nicht nur "fremde Inhalte" durch das eigene Netz (größtes Mobilfunknetz Amerikas - demnächst mit 5G) geleitet, sondern auch eigene Inhalte (Nachrichten, Spielfilme, Sport) zum Abonnement angeboten. Gerade wurde die amerikanische Antimonopol-Behörde (die die Übernahme von TimeWarner bisher noch nicht genehmigt hatte) mit einem business-freundlichen neuen Chef besetzt, damit dürfte der Deal in den nächsten Wochen von den Beamten abgesegnet werden. Kehrseite der Medaille: AT&T muss mehr als 80 Mrd. Dollar neue Schulden aufnehmen, um die Übernahme zu stemmen, teilweise gibt es dafür neue Aktien, Anleihen, aber auch Kredite. Diese Verbindlichkeiten müssen natürlich bedient werden - und das birgt ein gewisses Risiko.  

    Wie man sieht, sind "die Märkte" zwar überbewertet, aber wer bereit ist, die Nadel im Heuhaufen zu suchen, kann sie auch heute noch finden. Wer dann seine Positionsgröße defensiv wählt, gestaffelt kauft und regelmäßig investiert, profitiert mehrfach - mit steigenden Dividenden, dem Cost Average Effekt und einem gut gestreuten Portfolio. 

    Denn ein Risiko sollte man nicht vergessen: Das Risiko, einfach nicht dabei zu sein. Oder um noch einmal FAST-Graphs-Gründer Chuck Carnevale zu zitieren: "Es zählt nicht Market Timing, sondern Time in the Market."

    Risikohinweis: Der Autor ist in allen vorgestellten Unternehmen mit eigenem Geld investiert und daher natürlich parteiisch - nämlich bullish. Keinesfalls dürfen die Analysen als tiefgründig und umfassend angesehen werden oder als Empfehlung zum Kauf von Wertpapieren! Ich leiste keine Anlageberatung und übernehme keinerlei Verantwortung für fremde Anlageentscheidungen. Meine einzige Empfehlung: Führen Sie selbstständig eine tiefgründige Analyse durch, investieren Sie nur Geld, dessen Verlust Sie verschmerzen können - Totalverluste können passieren. Aktienkurse können nicht nur steigen, sondern auch fallen, Dividenden können gekürzt und gestrichen werden.  

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