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    Auch wenn der Bär steppt: Die Welt geht nicht unter

    Seit Anfang Februar 2018 greift die Angst um sich. In kürzester Zeit stürzte der deutsche Aktienindex von fast 13.600 Punkten auf knapp unter 12.000. Auch die US-Märkte korrigierten in den vergangenen Tagen heftig. Zinskurven werden herumgereicht, die einen nahenden Bärenmarkt ankündigen sollen. Die spannende Frage für viele Marktteilnehmer lautet: War es das jetzt mit dem Bullenmarkt? Steppt demnächst der Bär? 

    Die kurze Antwort: Niemand weiß es. Die Weltkonjunktur läuft zufriedenstellend. Aber Aktienkurse antizipieren die Entwicklung der Wirtschaft in rund neun bis zwölf Monaten. Und vielleicht sieht da ja schon jemand etwas, was anderswo noch nicht zu sehen ist?

    Als notorischer Egoist wünsche ich mir einen Bärenmarkt. Warum? Der Blick auf die nachfolgende Grafik zeigt es. 

    Seit 1926 gab es, glaubt man der Abbildung, neun Bullen- und acht Bärenmärkte. Zunächst einmal zur Definition: Ein Markt muss mindestens 20% vom letzten Allzeithoch gefallen sein. Fängt er dann vom tiefsten erreichten Kurs wieder an zu steigen und überschreitet in der Folge das vorherige Allzeithoch, handelt es sich um einen Bullenmarkt. Das Problem daran: Entsprechend dieser Definition wäre erst Mitte 2013 klar gewesen, dass die USA sich in einem Bullenmarkt befinden. Denn erst zu diesem Zeitpunkt wurde das Vorkrisenhoch überschritten. Bärenmärkte sind einfacher zu erkennen. Fällt der Kurs vom letzten Allzeithoch um mindestens 20 Prozent, beginnt per Definition der Bärenmarkt. 

    Interessant ist, wie man mit den abgebildeten Informationen umgeht. Ein Bärenmarkt dauert im Durchschnitt 1,4 Jahre. Der kürzeste war nach drei Monaten vorbei, der längste dauerte 2,8 Jahre. Das sind keine besonders langen Zeitfenster zum shoppen. Dass es allerdings auch länger dauern kann, sehen wir seit 1989 in Japan. Damals stand der Nikkei bei 38.957 Punkten - ein Stand der seit 28 Jahren nicht mehr erreicht wurde. Ist das nun ein Perma-Bärenmarkt?  

    Egal. Gehen wir davon aus, dass ein Bärenmarkt nicht so lange dauert wie ein Bullenmarkt, steht die zweite Frage im Raum: Wie viel Kursverluste bringt der Bär? Im Durchschnitt 41%, im schlimmsten Falle 83,4%. Natürlich sind maximal 100% Verlust möglich - bei Einzelaktien, schwerlich bei einem Aktienindex. 

    Dafür ist das Gewinnpotential nach einem Bärenmarkt ungleich höher: Durchschnittlich lag der kumulative Return bei 480%. Die Varianz reicht hier von 25,3% bis 935,8%. Und sicher kennen wir auch Aktien, die in einem Bullenmarkt mehr als 1.000 Prozent Performance hinlegten. 

    Muss man deshalb vor einem Bärenmarkt all seine Aktien verkaufen? Wenn das Teil einer Strategie sein sollte, dann schon. Nur schafft man sich häufig neue Probleme, wenn die Aktien verkauft sind. Entweder ist man zu spät ausgestiegen oder zu früh. Im ersten Fall leckt man sich monatelang die Wunden und wird womöglich nie wieder eine Aktie anfassen. Im zweiten Fall schaut man dem immer weiter laufenden Bullenmarkt möglicherweise hinterher und kommt nicht mehr rein. Schließlich: Wenn man einsteigt, dann häufig erst zu spät. Wie lange haben Anleger 2009 gezögert, bis sie erkannten, dass das, was da seit März 2009 abging nicht nur eine kleine Korrektur war? Viele Investoren stiegen erst 2010 ein, nachdem der Markt schon um mehr als 60% gestiegen war. 

    Mein Fazit: Wir wissen, dass ein Bärenmarkt unausweichlich ist, aber niemand kann sagen, wann er beginnt. Und schon gar niemand weiß, wann er endet. Meine praktischen Schlussfolgerungen daraus habe ich in einem kurzen Video zusammengefasst.   

    Für meine Strategie gilt daher: 

    1. Jeden Monat einen festen Betrag investieren, das nimmt die Angst und schafft Selbstvertrauen. Man kauft sich bei niedrigen Kursen fürs gleiche Geld mehr Dividenden als bei hohen Kursen. Und erzielt eine höhere Anfangsrendite, die als Basis für den Zinseszins wichtig ist. Ich kann ziemlich sicher sein, dass ich in der Nähe der zwischenzeitlichen Tiefs auch tatsächlich einkaufe und nicht mit schlotternden Knien vor dem Chart stehe, weil ich versuche, eine Bodenbildung zu erraten.   
    2. Immer etwas Pulver trocken halten, falls der große Kurseinbruch kommt. Dann kann man die monatliche Investitionsrate erhöhen oder einfach das Intervall zwischen zwei Investitionen verkürzen. Ich habe ständig rund zehn bis 15% meines Kontos als Cash. Dieser Sockel füllt sich nach jeder Investition automatisch wieder auf - durch die einlaufenden Dividenden. Warren Buffett hat 2008 nach der Lehman-Pleite innerhalb von zwei Wochen 28 Mrd. Dollar investiert. Und sitzt augenblicklich auf rund 100 Mrd. Dollar Geld, das angelegt werden will.    
    3. Im Bärenmarkt die Aktien nicht verkaufen, sondern kräftig nachkaufen. Denn warum sollte ich mich davonlaufen, wenn's Dividenden im Sonderangebot gibt?     

    Natürlich zum Schluss der obligatorische Risikohinweis: Das soll keine Empfehlung sein, es mir nachzutun. Jeder muss auf sein Geld selbst aufpassen und entsprechend der eigenen Strategie und Befindlichkeiten investieren. Am Ende des Tages zählt das eigene Wohlbefinden. 

    Und wer nicht wenigstens 50% Kursrückgang aushalten kann, hat im Aktienmarkt ohnehin nichts verloren. Sage nicht ich, sondern Warren Buffett.   

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    Kommentare: 4
    • #1

      Max (Dienstag, 20 Februar 2018 13:41)

      Hallo Nils, du hast in deinen Blogs und Videos immer die aktuellen Dividendenerhöhungen parat wo bekommst du diese Infos her? Hast du dafür einen eigenen Datenanbieter oder gibt es auch im Web eine Seite wo diese Daten erhältlich sind. Danke Schon mal für die Antwort und mache weiter so - lese den Blog immer gerne :-)

    • #2

      Nils Gajowiy (Dienstag, 20 Februar 2018 14:00)

      Dafür gibt's jede Menge kostenlose Quellen. Man kann Nachrichten zu einem Tickersymbol z.B. auf Seeking Alpha abonnieren, dann bekommt man eine Mail, wenn es zum Unternehmen News gibt. Oder man lässt sich vom Broker eine Mail schicken, geht bei IB per automatischen Alarm. Und sicher gibt's noch tausend andere Möglichkeiten, kostenlos an die Daten ranzukommen. Gruß Nils

    • #3

      Peter Küppers (Mittwoch, 21 Februar 2018 15:55)

      Danke für diesen Beitrag - kommt in meinen Notfallkoffer. Gedanken "was mache ich wenn...." kommen immer mal wieder, obwohl ich einen Plan habe und ich mich vorbereite ( Cashpolster, Shoppingliste, zusätzl. Einkommen generieren, Schlachtplan ..) gibt es den nervigen Zweifler in mir. Wird aber derzeit immer etwas ruhiger - dabei hilft mir auch das Spiel mit dem Excel-Modell "30 Jahre Einkommensrechner". Ich beschäftige mich auch mal wieder mit James Montier, Die Psychologie der Börse, Teil V: Spekulationsblasen und Verhalten. Kann ich nur empfehlen.
      Ich glaube an den Wert der Vorbereitung ( auch wenn es meist anders kommt als man denkt) - aber es macht mich gelassener und wie heißt es so oder anders "Erfolg und Vorbereitung stehen in einem engen Zusammenhang". Liebe Grüße

    • #4

      Nils Gajowiy (Mittwoch, 21 Februar 2018 18:46)

      Danke für Deinen Kommentar, Peter. Montier hat in der Tat ein fundamentales Werk verfasst, die 1.200 Seiten haben es in sich. Arbeiten wir weiter an unserer Gelassenheit... Gruß Nils

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