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    30 Jahre Dax: Geburtstag ohne Glanz

    Es ist für heutige Börsianer kaum vorstellbar, dass es eine Zeit ohne den DAX gegeben haben soll. Der größte deutsche Aktienindex feierte am 1. Juli 2018 seinen 30. Geburtstag. 

    Erstmals berechnet wurde der Index am 30. Dezember 1987, damals wurde er auf 1.000 Punkte festgelegt. Öffentlich notiert wurde er erst ein halbes Jahr später, am 1. Juli 1988. Inzwischen waren die Kurse der Bestandteile des Index gestiegen, so dass die erste öffentliche Notiz auf 1.163 Punkte lautete. 

    Dreißig Jahre später, am 30. Juni 2018, schloss das Börsenbarometer bei 12.306 Punkten. Das ist eine Steigerung um 958 Prozent bzw. das 10,58fache des ersten Indexstandes. Jetzt könnte man schlussfolgern: Wer vor dreißig Jahren in den Dax investiert hat, hat innerhalb von 30 Jahren sein Kapital mehr als verzehnfacht. Das Deutsche Aktieninstitut etwa, das Investieren in Aktien propagiert, wirbt mit dem berühmten Renditedreieck. 7,8% durchschnittliche Jahresrendite erwirtschaftete, wer Aktien 15 Jahre hielt. Egal, wann man eingestiegen wäre, man hätte über keinen einzigen 15-Jahres-Zeitraum eine negative Rendite erzielt. Trotz Crashs und Finanzkrisen. 

    Quelle: Deutsches Aktieninstitut, https://www.dai.de/files/dai_usercontent/dokumente/renditedreieck/2017-12-31%20DAX-Rendite-Dreieck%2050%20Jahre%20Web.pdf
    Quelle: Deutsches Aktieninstitut, https://www.dai.de/files/dai_usercontent/dokumente/renditedreieck/2017-12-31%20DAX-Rendite-Dreieck%2050%20Jahre%20Web.pdf

    Doch ganz so einfach ist das nicht mit dem Dax. Dazu genügt schon ein Blick auf die Zusammensetzung des Index im Wandel der Zeiten. 1990 listet ein Börsenratgeber (Karl-Heinz Bilitza, Ratgeber Börse, Heyne-Verlag München, 1990, S. 162) diese 30 Unternehmen als Bestandteile auf. 

    Allianz Hoechst

    BASF 

    Karstadt

    Bayer

    Kaufhof

    Bayerische Hypo-Bank

    Linde

    BMW

    Lufthansa

    Bayerische Vereinsbank

    MAN

    Commerzbank

    Mannesmann

    Continental

    Nixdorf

    Daimler-Benz

    RWE

    Degussa

    Schering

    Deutsche Babcock

    Siemens

    Deutsche Bank 

    Thyssen

    Dresdner Bank

    Veba

    Feldmühle Nobel 

    Viag

    Henkel KGaA

    Volkswagen                  

    Die Älteren unter uns dürften hier noch einige klangvolle Namen wiedererkennen. Viele Unternehmen sind aber schlicht und ergreifend inzwischen verschwunden, etwa Nixdorf, die 1990 von Siemens geschluckt wurden, oder der Papierproduzent Feldmühle Nobel, den es nicht mehr gibt. Reste von Hoechst finden sich heute im französischen Pharmariesen Sanofi wieder, Schering wurde 2006 von Bayer übernommen. Mannesmann wurde 1999 vom britischen Telefonriesen Vodafone geschluckt. Fazit: Nur 14 der 30 Gründungsmitglieder sind überhaupt noch im Dax vertreten. 

    Zwischenzeitlich kamen dafür Dutzende von Firmen hinzu und verschwanden wieder. Pro Sieben Sat1Media etwa, der Finanzstrukturvertrieb MLP, die Hypo Real Estate etwa. Die Softwareschmiede SAP schaffte es 1995 in den Dax und ist mittlerweile das wertvollste Unternehmen im deutschen Leitindex. Die Walldorfer kommen auf eine Marktkapitalisierung von mehr als 120 Milliarden Euro. Auf den Plätzen dahinter rangieren Siemens (95 Milliarden) und Bayer (knapp 90 Milliarden Euro). 

    Die gesamte Marktkapitalisierung der 30 größten börsengelisteten deutschen Firmen liegt bei mehr als einer Billion Euro. Ist das viel? Eher nicht. Der Elektronikriese Apple allein hat eine Marktkapitalisierung von über 900 Milliarden Dollar und ist damit das wertvollste Unternehmen der Welt. Die Nummer zwei ist Amazon mit über 800 Milliarden Dollar. Beide zusammen sind also schwerer als der deutsche Aktienindex mit dreißig Unternehmen. Im Ranking auf dem amerikanischen Finanzportal finviz.com wird als größtes deutsches Unternehmen SAP auf dem 52. Platz geführt. Immerhin zwei Plätze vor IBM. 

    Der deutsche Aktienmarkt ist also international betrachtet eher ein Zwerg, als ein Riese. Und das Investieren in die "Säulen" der deutschen Wirtschaft gestaltet sich angesichts der geringen Kontinuität beispielsweise des Dax schwieriger, als es an der Oberfläche scheint. Man hätte häufig umschichten müssen, was erfahrungsgemäß an der Performance nagt. Und ETFs gab es vor 30 Jahren einfach noch nicht. 

    Noch eine zweite Tatsache trübt die Geburtstagsparty: Der Dax ist ein Performance-Index, das unterscheidet ihn beispielsweise vom Dow Jones Index, vom S&P 500 oder vom EuroStoxx. Was bedeutet das? Der Dax wird so berechnet, als würden alle von den Unternehmen gezahlten Dividenden immer wieder reinvestiert. Zahlt also ein Dax-Unternehmen Dividenden und notiert am Ex-Dividenden-Tag durch den Dividendenabschlag an der Börse niedriger als am Vortag, so ist dieser Abschlag im Dax nicht zu sehen. Dadurch gibt der Dax ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Zustandes der deutschen Wirtschaft wider. Wie relevant ist dieser Unterschied? Vergleichen wir doch einfach den Performance-Dax mit seinem nicht gedopten "kleinen Bruder", dem Dax-Kursindex. Dieser wird ohne reinvestierte Dividenden berechnet. 

    Wie wir anhand der vergangenen 15 Jahre sehen (längere Zeitreihen sind für den Kurs-Dax nicht aufzutreiben), verdoppeln die theoretisch reinvestierten Dividenden die Performance im Verlauf der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte. Der "Standard"-Dax steht bei 12.540 Punkten (Stand 13. Juli 2018), der Kurs-Dax nur bei 5.776 Punkten, also weniger als der Hälfte. Will man also international die Entwicklung der deutschen Aktienkurse vergleichen, muss man auf den Kurs-Dax zurückgreifen, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Der Vergleich mit Dow Jones, S&P 500 und NASDAQ ist im unten stehenden Chart zu sehen.  

    Wir sehen also, dass der deutsche Aktienmarkt im Vergleich mit den drei großen amerikanischen Indizes, nämlich dem NASDAQ 100, dem Dow Jones und dem S&P 500, keine sonderlich gute Figur abgibt. 

    Das Investieren in deutsche Aktien verspricht also - vorsichtig ausgedrückt - keine überdurchschnittliche Performance. Hinzu kommt, dass Aktieninvestitionen, anders als in den USA, als Altersvorsorge kaum eine Rolle spielen. Das liegt einerseits an der knausrigen Dividendenpolitik der Unternehmen. Es gibt lediglich einen einzigen Dax-Titel, der seine Dividende mehr als 25 Jahre in Folge jedes Jahr gesteigert hat - Fresenius Medical Care. Mit einer Dividendenrendite von 1,25% sind die Gewinnausschüttungen in absoluten Zahlen jedoch alles andere als üppig. In den USA finde ich hingegen 120 Unternehmen, die seit mindestens 25 Jahren ihre Anteilseigner mit jährlich steigenden Gewinnausschüttungen beglücken.

    Andererseits wird die Aktie als Mittel zur Altersvorsorge von den deutschen Politikern bestenfalls ignoriert, wenn nicht sogar sabotiert. Steuerliche Anreize für Investitionen in die deutsche Wirtschaft (das wären Aktienkäufe nämlich) gibt es nicht. Auch einen deutschen Staatsfonds, der ähnlich dem norwegischen Staatsfonds in Sachwerte investieren könnte und somit die steuer- und umlagefinanzierte deutsche Rentenkasse entlasten würde - Fehlanzeige. Statt dessen gibt es seit Mai 2018 eine Rentenkomission. Ex-Sozialminister Norbert Blüm ("Die Rente ist sicher!") verteufelt Aktien bis heute als untauglich für die Altersvorsorge.

    Mein Fazit zum 30. Geburtstag des Dax lautet daher: Es wird Zeit, dass der deutsche Aktienmarkt erwachsen wird. Die nächsten 30 Jahre können eigentlich nur besser werden als die vergangenen.

    Bis dahin baue ich meine Altersvorsorge am liquidesten Aktienmarkt der Welt auf - in den USA. 

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    Kommentare: 5
    • #1

      Finanzsenf (Sonntag, 15 Juli 2018 08:06)

      Sehr schön differenzierte Darstellung. Danke dafür.

    • #2

      Werner (Sonntag, 15 Juli 2018 14:28)

      Endlich ein realistischer Kommentar zum BOTOX Index DAX. Viel zu oft wird den Leuten hier suggeriert, mit einem DAX ETF wäre ein Blumentopf zu gewinnen. Die Musik spielt in den USA und in Zukunft vielleicht in China und Indien. Deswegen konzentriere ich mich auf diese Märkte. Zudem belohnen die USA mich mit hervorragenden Informationen, die es meist kostenlos gibt und einer Gebührenkultur, die auch für kleines Geld investieren rentabel macht. Wie heisst so schön: "Am Anfang war der Vanguard S&P 500 ETF, dann folgten die Einzelaktien." Doch die Deutschen hören bei Altersvorsorge lieber auf Norbert Blüm, die Grünen, Olaf Scholz, eine einmalige DDR Funktionärin und die Deutsche Bank. Dann mal viel Glück. Ich höre dann doch lieber auf Warren Buffet und Nils Gajowij.

    • #3

      jockel 2020 (Dienstag, 17 Juli 2018 13:14)

      Lieber Nils, habe 53 Deiner Depotwerte identifiziert. Aber wieso hast Du nur 52 in Deinem Depot ? Ich bin seit ca. September 2017 auf Deinen Internetseiten unterwegs und von Deinen Kommentaren und Inhalten begeistert. Bin dabei meine beiden Depots nach und nach auf Dividendenwerte umzustellen. Obwohl ich schon seit Jahren in Aktien investiere, leider mit mäßigem Erfolg, habe ich erst durch Dich Seiten wie z.Bsp. Finviz kennengelernt. Dafür herzlichen Dank.

    • #4

      Nils Gajowiy (Dienstag, 17 Juli 2018 15:56)

      Was soll ich jetzt zu meinem Depot sagen? Ich hab GPT verkauft, vielleicht liegt's daran? Ich zähle selbst nicht ständig mit, wie viele Aktien ich habe. Schön, dass ich Dir ein wenig in die Spur helfen konnte - jetzt einfach noch 20 Jahre durchhalten und der Rest kommt dann von selbst. Jeden Tag Dividende... Gruß Nils

    • #5

      jockel 2020 (Dienstag, 17 Juli 2018 17:17)

      Hoffentlich halt ich bis 82 durch. Und auf eine Aktie mehr oder weniger kommts mir nicht an. Gruß Jockel 2020

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