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    Europas Wirtschaft: Die ewig Gestrigen

    Als ich in der vergangenen Woche dienstlich unterwegs war, wurde mir das Handelsblatt offeriert. "Europa holt auf" prangte auf der Titelseite eine riesige Schlagzeile. Auf sechs Seiten wurde bild- und wortgewaltig dargelegt, dass europäische Unternehmen dabei wären, die amerikanischen Unternehmen einzuholen. Das Nettoergebnis, also der Gewinn der Top 500 Unternehmen aus Europa könnte in diesem Jahr 529 Mrd. Euro erreichen - und damit um 50% über dem Gewinn des Vorjahres liegen. 

    Ausgerechnet die deutschen Autobauer werden als Vorbild zitiert: "Europa bräuchte mehr Firmen vom Kaliber der deutschen Autobauer." Um 51% hätten die drei großen - BMW, Volkswagen und Daimler - im ersten Quartal 2017 ihre Gewinne gesteigert. Dass zumindest Volkswagen, möglicherweise aber auch die anderen beiden Konzerne, jahrelang Hunderttausende von Kunden bewusst getäuscht haben könnten, wird nur in Nebensätzen erwähnt. Wird hier dem Leser der Düsseldorfer Qualitätspresse etwa die organisierte Kriminalität als Vorbild angepriesen? Aber zum Glück besteht die europäische Wirtschaft nicht nur aus diesen drei Firmen. Schauen wir einmal die Top 10 Europas, gemessen am Umsatz, an.

      Unternehmen Branche
    1 Volkswagen Automobil
    2 Royal Dutch Shell Mineralöl und Gas
    3 British Petrol Mineralöl und Gas
    4 Daimler Automobil
    5 Glencore Rohstoffhandel
    6 Total Mineralöl und Gas
    7 Fiat Chrysler Automobil
    8 BMW Automobil
    9 Nestlé Nahrung und Genuss
    10 Gazprom Mineralöl und Gas

    Was fällt auf? Nicht ein Unternehmen stammt aus den Zukunftsbranchen: Technologie, Biotechnologie, erneuerbare Energien oder aus der Dienstleistungsbranche. Samt und sonders sehen wir Unternehmen, die ihre Gewinne aus Technologien des 19. und 20. Jahrhunderts erzielen: Bau von Verbrennungsfahrzeugen, Förderung von und Handel mit fossilen Brennstoffen, Produktion und Vertrieb von Lebensmitteln aller Art. Der Autor nennt das (siehe oben) die "Realwirtschaft" und grenzt damit Europas Top 10 von den führenden US-Unternehmen ab, die seien ja "nur in der Technologie" ganz vorn. 

    Europas Unternehmen sind aber nicht nur technologisch rückwärts gewandt, sie arbeiten auch weniger effizient als die US-Firmen. Amerikas größte 500 Unternehmen steigerten ihren Gewinn im vergangenen Jahr von 615 Milliarden Euro allein im ersten Quartal um 13%, für das Gesamtjahr erwartet das Handelsblatt einen Gewinn von 763 Mrd. Euro. Die Umsatzrendite soll bei 7,7% liegen.

    Für Europa werden 529 Mrd. Euro Gewinn erwartet, bei einer Umsatzrendite von 6,4%. Im Rekordjahr 2007 wurden 537 Mrd. Euro verdient. Mit etwas Glück könnte dieses Niveau in diesem Jahr fast wieder erreicht werden. Denn ganz nebenbei erfahren wir: "Hier haben die Konzerne als Folge der Schuldenkrise und staatlicher Ausgabenkürzungen seit 2012 immer weniger verdient als im jeweils vorangegangenen Jahr. 2015 waren Europas Konzerne sogar 40 Prozent unter ihrem Rekordjahr 2007 geblieben. Corporate Amerika steigerte seine Gewinne im selben Zeitraum um ein Drittel." Da liegt also der Hund begraben: Europa holt auf - aber von niedrigem Niveau. Nach jahrelangem "Wirtschaftsboom" könnten wir in diesem Jahr den Stand von 2007 wieder erreichen. Was für eine Leistung nach zehn Jahren.  

    Gemessen an der Marktkapitalisierung liegt Europa weit abgeschlagen - nicht nur hinter den USA, sondern auch hinter vielen anderen Regionen der Welt. Das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PwC hat Anfang Juli ein Ranking der 100 größten Unternehmen veröffentlicht. Unter den Top 100 finden sich 55 US-Unternehmen. Wertvollste Firma der Welt ist seit sechs Jahren Apple, der Börsenwert des Kultunternehmens hat sich allein im vergangenen Jahr um 25% erhöht. 

    Es gibt auch deutsche Firmen unter den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt - genau vier. Im Vorjahr waren es noch fünf. Auf Platz 56 finden wir die Walldorfer Softwareschmiede SAP, auf Platz 58 immerhin den "Weltkonzern" Siemens, dann den Aspirinproduzenten Bayer auf Rang 79 und den Chemiekonzern BASF auf Platz 87. 

    Insgesamt hat Europa seit der Finanzkrise deutlich an Gewicht verloren. Zum Stichtag 31. März 2008 kamen 41 der Top 100 aus Europa, heute sind es noch 22. China und Hongkong legten leicht zu - auf elf Firmen von neun vor neun Jahren. 

    Auch wenn die Marktkapitalisierung kein alleiniger Maßstab für wirtschaftliche Stärke ist, so ist doch eines klar: Ganz so rosig, wie der Düsseldorfer Handelsblatt-Autor die europäische Wirtschaftszukunft beschreibt, sieht es also nicht aus auf dem alten Kontinent. Europa, und Deutschland ist ein Teil davon, wird zunehmend abgehängt. In allem, was Technologie angeht, ist "die alte Welt" bereits zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Und mit Öl, Gas und Autos allein wird Europa nicht als wirtschaftliche Großmacht reüssieren. Möglicherweise ist ja Technologie längst Teil der "Realwirtschaft" à la Ulf Sommer?     

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    Kommentare: 1
    • #1

      Lutz Schwenke (Sonntag, 23 Juli 2017 02:09)

      Zum Weltkonzern Siemens las ich gestern in der DWN: "Turbinen auf der Krim: Siemens trennt sich von russischen Partnern".
      An anderer Stelle hiess es, die Russland-Sanktionen kosteten 500.000 deutsche Arbeitsplaetze.

      Nun, fuer Siemens wird sicher ein nichtdeutscher Konkurrent einspringen, an dem ich mich eventuell beteiligen kann. Jetzt muessen sich nur noch 500.000 neue deutsche Jobs finden, damit meine deutsche Rente gesichert ist...

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