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    Deutschlands Anleger: Mit Vollgas in die Armutsfalle

    Lernen es die Deutschen noch? Das Deutsche Aktieninstitut veröffentlichte am 6. März 2019 die aktuelle Statistik der Aktionärszahlen für 2018. Die frohe Botschaft: 10,3 Millionen Menschen in Deutschland hielten im Jahr 2018 ein Aktieninvestment. Damit sind sowohl Investments in Aktien, Belegschaftsaktien und Aktienfonds gemeint. Jeder sechste Bürger oder 16,2% der Bevölkerung über 14 Jahren haben somit in Produktivvermögen investiert. Der Zuwachs zu 2017 betrug 2,5 Prozent oder 253.000 Anleger. Damit wurde im Jahr 2018 ungefähr das Niveau von 2007 wieder erreicht.   

    Trotzdem sind die Deutschen meilenweit davon entfernt, ein Volk der Aktionäre zu werden. Dafür gibt es wohl drei wesentliche Gründe: 

    • Banken und Finanzdienstleister meiden es weitestgehend, ihren Kunden Investitionen in Unternehmen zu empfehlen. Zum einen sind Langfristinvestoren als Kunden für den provisionsorientierten Vertrieb nicht interessant. Zum anderen ist der bürokratische Aufwand (Stichwort: Beraterhaftung) mittlerweile so groß, dass Banken aus Angst vor Anlegerklagen häufig Aktien gar nicht mehr aktiv anbieten.
    • Die Aktie steht in einem schlechten Ruf. Sie ist nach wie vor eine steuerlich diskriminiertes Anlageklasse. Wer aus seinem versteuerten Einkommen in Aktien investiert und Dividenden aus dem bereits versteuerten Gewinn eines Unternehmens kassiert, muss diese Dividenden ein weiteres Mal versteuern. Auch auf Kursgewinne beim Verkauf kassiert der Fiskus kräftig (und demnächst wahrscheinlich noch mehr). Wer Immobilien nach zehn Jahren verkauft, darf sämtliche Gewinne steuerfrei behalten, bei eigengenutzten Immobilien entfällt sogar diese Frist. Investoren werden steuerlich mit Hochfrequenzhändlern gleichgestellt, sie genießen den Ruf von Zockern, Spekulanten oder gierigen Finanzhaien.  
    • Der politische Apparat hat kein Interesse daran, dass breite Bevölkerungsschichten die Aktie als Mittel zur Altersvorsorge für sich entdecken. Folglich findet finanzielle Bildung weder in der Schule noch an Hochschulen und Universitäten statt. Statt dessen wird die umlagefinanzierte Staatsrente mit jährlich über 100 Milliarden Euro Steuergeldern zusätzlich zu den hohen Rentenbeiträgen subventioniert. Die kapitalgedeckte Altersvorsorge - in Ländern wie Norwegen oder Schweden längst Alltag - wird immer noch verteufelt. Die "Verkäufer" der staatlichen Rente - Bundestagsabgeordnete und Regierungsbeamte - haben sich dabei selbst längst aus dem Umlagesystem verabschiedet. Wahrscheinlich nicht, weil es ein so umwerfend gutes System ist. 

    Von den 10,3 Millionen Aktionären besitzt die Mehrheit Aktienfonds - nur 4,5 Millionen Menschen investieren direkt in Aktien, etwa 7,1% der Bevölkerung. Davon müsste man fairerweise noch die eine Million Menschen abziehen, die ausschließlich Belegschaftsaktien besitzen. 284.000 Menschen besitzen Belegschafts- und weitere Aktien. 3,3 Millionen Anleger besitzen ausschließlich Aktien anderer Unternehmen, ein Minus von 410.000 Aktionären im Vergleich zum Vorjahr. 

    Die positive Entwicklung der Aktionärszahlen beruht also ausschließlich auf einer Zunahme im Bereich Aktien- und Mischfonds. 7,78 Millionen Anleger halten Aktien- oder Mischfonds oder beides. 

    Es dürften einige Millionen Euro an Erträgen sein, die deutschen Anlegern hier jedes Jahr entgehen. Bekanntlich nagen Ausgabeaufschläge, Verwaltungskosten und Vertriebsprovisionen derart stark an den Renditen von Fonds, dass kaum einer die durchschnittliche Performance der Aktienmärkte erreicht.

    Viel erschreckender aber ist: 83,8% der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre leben vollständig aktien-abstinent. Ihre Perspektive: Ein langes Arbeitsleben im Hamsterrad finanzieller Sklaverei und anschließend ein Rentnerdasein in Armut. 

    Wenig Grund für Optimismus bietet auch die absolute Vermögensallokation der Deutschen. Insgesamt verfügen private Haushalte in Deutschland nach Angaben der Deutschen Bundesbank über ein Geldvermögen von 6,05 Billionen Euro. Davon sind lediglich 5,4% in Aktien und 3,3% in Aktienfonds investiert, insgesamt 529 Milliarden Euro. Den Großteil ihres Geldes, nämlich 39,7% bzw. 2,4 Billionen Euro, parken Deutsche auf ihrem Girokonto oder als niedrigsverzinsliche Bankeinlagen. Der zweitgrößte Teil entfällt auf Versicherungen - 2,2 Billionen Euro bzw. 37,3%.     

    Es gibt noch Hoffnung - die Jugend holt auf

    Unter den Aktionären dominieren naturgemäß einkommensstärkere und ältere Menschen. Das ist kein Zufall: Wer jung ist, verdient in der Regel weniger und hat andere Dinge im Kopf, als ein langfristiges Aktieninvestment.

    Die zahlenmäßig stärkste Altersgruppe der Anleger sind die über 60jährigen. 3,8 Millionen Menschen im Alter über 60 Jahre investieren in Aktien, diese Gruppe ist seit 2014 um 981.000 Personen gewachsen, sicher auch eine Folge der Vergreisung der deutschen Bevölkerung.

    Trotzdem holt die junge Generation auf. Seit 2014 hat sich der Anteil der unter 39jährigen von 8,1 Prozent auf 11,1 Prozent aller Aktionäre erhöht. In absoluten Zahlen ist das ein Anstieg von 605.000 Anlegern. Offensichtlich ist bei der jüngeren Generation die Erkenntnis angekommen, dass die staatliche Rente alles andere als sicher und auskömmlich ist. Die Feuertaufe haben die meisten dieser Jung-Investoren aber noch vor sich. Denn etliche von ihnen dürften noch nie einen Bärenmarkt mit heftigen Kursrückgängen erlebt haben.

    Gegenwind: Der Sirenengesang des schnellen Geldes

    Es ist nicht nur das staatlich geförderte Desinteresse am Investieren, das Aktionäre zu einer Minderheit in der Gesellschaft macht. Gleichzeitig steht dem unbedarften Privatinvestor auch eine gut geölte Finanzvertriebs-Maschinerie gegenüber. Ob bei der Sparkasse im Heimatdorf oder im Wealth Management etablierter Privatbanken - überall sitzen einem verkaufsorientierte "Berater" gegenüber. 

    Betrachten wir einmal den deutschen Derivatemarkt. Im Jahre 2007 wurden in Deutschland rund 164.800 unterschiedliche strukturierte Produkte verkauft. Das Marktvolumen erreichte mit 139 Milliarden Euro damals den Höhepunkt vor der Finanzkrise. Die brachte den großen Einbruch - das Volumen des Derivatemarktes hat sich seitdem fast halbiert und lag im Januar 2019 "nur noch" bei 71,3 Milliarden Euro. Nach der Lehman-Pleite war die gesamte Industrie in Verruf geraten und hat sich volumenmäßig von dieser Vertrauenskrise bis heute nicht erholt. 

    Gleichzeitig stieg aber die Zahl angebotener Produkte (Zertifikate, Optionsscheine, Knock-out-Produkte, Express-Zertifikate usw.) auf das Zehnfache - nämlich auf 1,683 Millionen. Die versprechen inzwischen von hochgehebelten Turbogewinnen bis zum hundertprozentigem Kapitalschutz alles Mögliche und Unmögliche. Klar, dass der ungeschulte Privatanleger angesichts dieser Vertriebsmaschinerie den Kapitalmarkt für kompliziert und undurchsichtig hält und lieber sein Geld auf dem Girokonto parkt.        

    Der Ausweg: Investieren - egal, ob einfach oder professionell

    Der Ausweg ist nicht kompliziert, jeder normal gebildete Mensch mit dem Abschluss der zehnten Klasse kann diesen Weg für sich beschreiten. Wer direkt in Aktien investiert, investiert in Unternehmen - nicht in Finanzprodukte, das ist ein kardinaler Unterschied.

    Solange die Wirtschaft wächst und sich die Menschheit nicht in die Vorsteinzeit zurückbombt, werden Unternehmen dafür sorgen, dass unsere Bedürfnisse - vom Trinkwasser bis zur Rolex - befriedigt werden. Wenn ich selbst kein Unternehmen gründen kann oder möchte, beteilige ich mich mit einer Aktie an einer Firma. Möglichst an solchen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch meinen Kindern und Enkeln noch nützliche Dienstleistungen anbieten werden. Die mehrmals im Jahr ausgeschütteten Dividenden lassen sich reinvestieren oder als Zusatzrente verfrühstücken.   

    Für alle, deren Interesse am Aktienmarkt sich hiermit erschöpft, sind kostengünstige Index-ETFs die günstigste Variante, ein Vermögen, Altersvorsorge und ein passives Einkommen aufzubauen. Wer das Investieren professionell betreiben möchte, muss sich weiterbilden, lernen und trainieren. Es ist ein harter Weg, aber ein lohnenswerter. Eine Möglichkeit hierzu bietet  die einjährige Ausbildung zum professionellen Investor, die am 21. Juni 2019 wahrscheinlich zum letzten Mal startet.      

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